| Die
Anfänge
Anton
Bruckners Freunde und Schüler erbaten von ihrem Meister die Zustimmung zu
Retuschen und oft einschneidenden Änderungen in Form, Instrumentation und
Artikulation seiner Werke, um dem Publikum den Zugang zu einer bisher unerhörten
Klangwelt zu erleichtern. Wir haben alle Ursache, diesen Freunden und Schülern
für ihren missionarischen Eifer dankbar zu sein, geschahen die Änderungen
doch durchaus im Interesse der Verbreitung von Bruckners Musik. Bruckner jedenfalls
gab, um Aufführungen und Drucklegungen überhaupt erst zu ermöglichen,
zur gewünschten Anverwandlung an den herrschenden Zeitgeist - vorläufig
- sein Einverständnis. Vorläufig: denn in seinen testamentarisch der
Österreichischen Nationalbibliothek überantworteten Handschriften überlieferte
er uns als „letztwillige Verfügung” seine Musik in jener Gestalt,
in welcher er sie auf die Nachwelt kommen lassen wollte.
Die
bald nach Bruckners Tod unüberhörbar gewordenen Divergenzen zwischen
den autographen Noten
und der im Konzertsaal erklingenden Musik weckten den Ruf nach einer kritischen
Gesamtausgabe, welche die Basis für authentische Aufführungsmateriale
bilden sollte. 1929 fand in Wien die Gründungsversammlung der Internationalen
Brucknergesellschaft (IBG) statt. Im Verlag Filser in Augsburg erschienen 1930
als erste Werke der Bruckner-Gesamtausgabe das Requiem und die Missa solemnis
(Haas). Am 2. April 1932 führte Siegmund von Hausegger in München die
Neunte Symphonie zweimal hintereinander auf: einmal in der bisher allein bekannt
gewesenen, der Klangwelt Richard Wagners angenäherten und von Bruckners Manuskript
entschieden abweichenden Druckausgabe, dann nach dem für die Gesamtausgabe
vorbereiteten Notentext des Autographs.
1933 (der
Verlag Filser hatte zu existieren aufgehört) rief die Internationale Bruckner-Gesellschaft
eigens für die Herausgabe der Bruckner-Gesamtausgabe den Musikwissenschaftlichen
Verlag Wien (MWV) ins Leben. Robert Haas als Direktor der Musiksammlung der Österreichischen
Nationalbibliothek wurde wissenschaftlicher Editionsleiter, Alfred Orel war sein
erster Mitarbeiter, schon 1937 wurde Leopold Nowak Mitherausgeber. Dank jahrelang
geleisteter Vorarbeiten konnten in rascher Folge zahlreiche Bände erscheinen.
Chronologie
der Bruckner-Gesamtausgabe 1934-1944 (Editionsleitung
Robert Haas)
| 1934 | 9. Symphonie
(Orel) |  |
| | Vier Orchesterstücke
(Orel) | | 1935 | 1.
Symphonie, Linzer und Wiener Fassung (Haas) | | | 5.
Symphonie (Haas) | | | 6.
Symphonie (Haas) | | 1936 | 4.
Symphonie, 2. Fassung (Haas) | | 1938 | 2.
Symphonie als Mischform aus 1. und 2. Fassung (Haas) | | 1939 | 8.
Symphonie als Mischform aus 1. und 2. Fassung (Haas) | | 1940 | Messe
in e-Moll, 2. Fassung (Haas - Nowak) | | 1944 | 7.
Symphonie (Haas) | | | Messe
in f-Moll (Haas) | Mit dem Anschluss Österreichs
an Hitler-Deutschland 1938 wurden der MWV und die IBG in Wien aufgelöst,
die Gesamtausgabe wurde nach Leipzig transferiert. 1945 wurden kurz vor Kriegsende
bei einem
Bombenangriff auf Leipzig die Verlagsbestände vernichtet. Die
Bruckner-Gesamtausgabe seit 1951 Nach Kriegsende
kehrten IBG, MWV und Bruckner-Gesamtausgabe nach Österreich zurück.
1951 legte Leopold Nowak als wissenschaftlicher Leiter mit einem korrigierten
Reprint von Alfred Orels Ausgabe der 9. Symphonie den ersten Band der Neuen Bruckner-Gesamtausgabe
vor. Nowak revidierte zunächst die vor 1945 bereits ediert gewesenen Partituren,
arbeitete neuentdeckte Quellen ein und eliminierte Druckfehler. Nowaks philologische
Treue gegenüber dem von Bruckner hinterlassenen (und von Bruckner immer neu
überarbeiteten!) Notentexten erwies sich dabei als unvereinbar mit dem von
Haas im Falle der 2. und 8. Symphonie unternommenen Versuchen, durch ein Vermischen
von Bruckners verschiedenen Werkfassungen eine Art „Idealfassung”
herzustellen. Folgerichtig gab Nowak die 8. Symphonie in ihren voneinander
entscheidend abweichenden Fassungen in zwei getrennten Bänden heraus, und
er revidierte auch im Falle der 7. Symphonie zugunsten des „letztwilligen”
Autographs jene Rückgängigmachung von Bruckners Überklebungen und
Rasuren, die Haas in seiner Ausgabe vorgenommen hatte. Chronologie
der Bruckner-Gesamtausgabe 1951 - 1989 (Editionsleitung
Leopold Nowak)
| 1951 | 9.
Symphonie (Nowak) 5. Symphonie (Nowak) | |
| 1952 | 6. Symphonie
(Nowak) | | 1953 | 4.
Symphonie, 2. Fassung (Nowak) 1. Symphonie, Linzer Fassung (Nowak) |
| 1954 | 7. Symphonie
(Nowak) | | 1955 | 8.
Symphonie, 2. Fassung (Nowak) Streichquartett c-Moll (Nowak) |
| 1957 | Messe d-Moll
(Nowak) | | 1959 | 3.
Symphonie, 3. Fassung (Nowak) Messe e-Moll, 2. Fassung (Nowak) |
| 1960 | Messe f-Moll
(Nowak) | | | 1962 | Te
Deum (Nowak) | | | 1963 | Streichquintett
mit Intermezzo (Nowak) | | | 1964 | Psalm
150 (Grasberger) | | | 1965 | 2.
Symphonie (Nowak) | | | 1966 | Requiem
(Nowak) | | | 1968 | „Nullte”
Symphonie (Nowak) | | | 1972 | 8.
Symphonie, 1. Fassung (Nowak) | |
| 1973 | Studiensymphonie
(Nowak) | | | 1975 | 4.
Symphonie, 1. Fassung (Nowak) Missa solemnis in B (Nowak) | |
| 1977 | Messe
e-Moll, 1. Fassung (Nowak) 3. Symphonie, 1. Fassung (Nowak) | |
| 1980 | Adagio
Nr. 2 zur 3. Symphonie (Nowak) 1. Symphonie, Wiener Fassung (Brosche) | |
| 1981 | Finale
1878 zur 4. Symphonie (Nowak) 3. Symphonie, 2. Fassung (Nowak) | |
| 1984 | Kleine
Kirchenmusikwerke (Bauernfeind - Nowak) | |
| 1985 | Rondo
c-Moll für Streichquartett (Nowak) | |
| 1987 | Kantaten
und Chorwerke (Burkhart - Führer - Nowak) | |
| 1988 | Werke
für Klavier zu zwei Händen (Litschauer) | |
1989 musste Leopold Nowak aus Gesundheitsgründen
die Leitung der Bruckner-Gesamtausgabe zurücklegen. Er bat Herbert Vogg,
den Geschäftsführer des MWV, für die Herstellung der noch ausständigen
Notenbände zu sorgen. Dank der Bereitwilligkeit und tatkräftigen Mithilfe
prominenter Bruckner-Forscher
konnte das Vorhaben im Jahre 2001 abgeschlossen werden. Chronologie
der Bruckner-Gesamtausgabe 1990 - 2001 (Geschäftsführung
Herbert Vogg) | 1990
ff. | Bei Nachdrucken werden die Bände einer
neuerlichen Revision unterzogen, primär auf Basis von Druckfehlerlisten von
Rüdiger Bornhöft. Diese revidierten Texte liegen auch den Studienpartituren
zugrunde, die Eulenburg von den Symphonien in Lizenz 1992 - 1996 herausbringt. | | 1994 | 9.
Symphonie, Finale-Fragment (Phillips) Werke für Klavier zu vier Händen
(Litschauer) | | 1995 | 1.
Symphonie, Fragment der ursprünglichen Fassung des Adagio und ältere
Scherzo- Komposition (Grandjean) Abendklänge für Violine und Klavier
(Litschauer) | | 1996 | 9.
Symphonie, Finale-Fragment, Faksimile-Band (Phillips) Vier Orchesterstücke
(Jancik - Bornhöft) Ouvertüre g-Moll (Jancik - Bornhöft)
Marsch Es-Dur (Bornhöft) Magnificat (Hawkshaw) Psalm 146 (Hawkshaw)
Psalm 112 (Hawkshaw) | | 1997 | Psalm
114 (Hawkshaw) Psalm 22 (Hawkshaw) Lieder für Gesang und Klavier
(Pachovsky) | | 1998 | 9.
Symphonie, Studienband zum 2. Satz: Entwürfe, älteres Trio (Cohrs)
Orgelwerke (Horn) Requiem. Neuausgabe (Nowak - Bornhöft)
Briefe 1852-1886 (Harrandt – Schneider) |
| 2000 | 9.
Symphonie. Neuausgabe (Cohrs) | | 2001 | Weltliche
Chorwerke (Pachovsky - Reinthaler) |
| 2002 |
9. Symphonie. Finale. Dokumentation des Fragments (Phillips) |
| 2003 |
Briefe 1887-1896 (Harrandt – Schneider) |
| 2004 |
4. Symphonie, 3. Fassung 1888 (Korstvedt) |
| 2005 |
2. Symphonie, 1. Fassung 1872 (Carragan)
Messe f-moll. Neuausgabe (Hawkshaw) |
| 2007 |
Streichquintett / Intermezzo. Neuausgabe (Gruber)
2. Symphonie, 2. Fassung 1877 (Carragan) |
Wo
sie bei Vokalwerken noch fehlten, wurden Klavierauszüge
produziert. Außerdem wurden Bände, die bisher nur im Großformat
vorlagen, nun auch als Studienpartituren
ediert. Mit Ausnahme (derzeit noch) der Klavierwerke, der Lieder und der weltlichen
Chorwerke liegt die Bruckner-Gesamtausgabe jetzt komplett im Studienpartituren-Format
vor.
Die von Nowak geplant gewesene
Edition der 2. Symphonie
in zwei getrennten Bänden anstelle der Mischform von Haas hat Nowak noch
persönlich an William Carragan weitergegeben und 2007 abgeschlossen. 
Sonderfall
9. Symphonie
Als Krönung seines Anton Bruckner
gewidmeten Lebenswerkes hatte Leopold Nowak eine Neuausgabe der 9. Symphonie geplant,
die 1951 ja nur als korrigierter Reprint der Orel-Ausgabe erschienen war. Vor
allem auch hatte Nowak für die Zeit „nach Abschluss der Gesamtausgabe”
die Revision und Ergänzung der „Skizzen und Entwürfe zur Neunten
Symphonie” (Orel 1934) vorgesehen. Wenige Tage vor seinem Ableben hat Nowak
den australischen Bruckner-Forscher John A. Phillips mit der Aufarbeitung dieses
umfangreichen Materials betraut.
Die
von Phillips ohne jeden Zusatz vorgelegte und ausführlich kommentierte Rekonstruktion
des Finale-Fragments einzig aufgrund der auf uns gekommenen Partitur-, Particell-
und Satzverlaufsseiten wurde zur Sensation: Sie zeigt einen weit gediehenen, zum
Teil ausinstrumentierten Satz voll Kühnheit, worin leider einzelne der durchnummerierten
Notenbogen verloren gegangen sind und der zum Ende der Reprise hin zusehends „ausdünnt”.
Um auch einem breiteren Publikum vorführen zu können, in welchem Stadium
der Komposition dem Meister die Feder aus der Hand genommen worden war, richtete
Phillips das Finale-Fragment behutsam (mit Einfügung verbaler Brücken)
für die Wiedergabe im Konzertsaal ein. Nikolaus Harnoncourt hat diese Dokumentation
mit den Wiener Symphonikern im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins im November
1999 erstmals aufgeführt. Als
Benjamin Gunnar Cohrs, wie Phillips seit Jahrzehnten mit Bruckners Neunter und
ihren Quellen beschäftigt, den Kritischen Bericht zu den drei fertiggestellten
Sätzen der Symphonie erarbeitete, erzwang die Fülle neuer Details den
Entschluss, die Partitur neu herzustellen. Bruckner pflegte ja die endgültige
Nuancierung von Dynamik, Agogik etc. erst nach Fertigstellung eines Werkes vorzunehmen;
diese Nuancierung unterblieb mithin im Falle der Neunten auch in den drei „komplett”
vorliegenden Sätzen. Diesbezügliche Erkenntnisse sind in der neuen Partitur
von Cohrs berücksichtigt, der auch ein ausführlicher, das Notenbild
aber nicht belastender Anmerkungsteil beigegeben ist. Aus Gründen der Übersichtlichkeit
wurde der Noten-Umbruch der Nowak-Ausgabe beibehalten. Der
enorme Umfang des überlieferten Quellenmaterials wird in Studienbänden
zu den einzelnen Sätzen und in einem zusätzlichen Textband zu allen
vier Sätzen aufgearbeitet. Zum 2. Satz hat Benjamin
Gunnar Cohrs den Studienband bereits vorgelegt. Revisionsberichte
Nowaks Anliegen war es vorrangig, alle Kompositionen
Bruckners in „sauberen” und verlässlichen Notentexten vorzulegen.
Die dazugehörigen Revisionsberichte sollten bei aller Wissenschaftlichkeit
„lesbar” und der Praxis dienlich sein. Diese Arbeit konnte Nowak aus
Altersgründen nur zum Teil leisten. Wie die folgende Aufstellung zeigt, liegen
aber zum Großteil der Gesamtausgaben-Bände die Revisionsberichte gedruckt
vor oder sind in Vorbereitung:
1.
Symphonie, alle Fassungen (in Vorbereitung, Röder) 2. Symphonie, alle
Fassungen (in Vorbereitung, Carragan) 3. Symphonie, alle Fassungen (Röder
1997) 4. Symphonie, alle Fassungen (in Vorbereitung, Korstvedt) 5. Symphonie
(Haas - Nowak 1983) 6. Symphonie (Haas - Nowak 1986)
7. Symphonie (Bornhöft 2003)
8. Symphonie (in Vorbereitung, Hawkshaw) |
| 9.
Symphonie, 1. - 3. Satz (Cohrs 2002) | | | Studienband
zum 1. Satz (in Vorbereitung, Phillips) Studienband zum 2. Satz (Cohrs)
Studienband zum 3. Satz (in Vorbereitung, Phillips) Studienband zum 4. Satz
(in Vorbereitung, Phillips) Textband zu allen vier Sätzen (in Vorbereitung,
Phillips) | Studiensymphonie (Nowak 1981)
„Nullte” Symphonie (Nowak 1981) Werke für Klavier zu zwei
Händen (Litschauer im Nachdruck des Notenbandes 2000) Werke für Klavier
zu vier Händen (Litschauer im Notenband 1994) Werke für Orgel (Horn
2001) Abendklänge (Litschauer im Notenband 1995)
Rondo für Streichquartett
(noch offen)
Vier Orchesterstücke (Bornhöft im Notenband 1996) Ouvertüre
g-Moll (Bornhöft im Notenband 1996) Marsch Es-Dur (Bornhöft im Notenband
1996) Streichquartett c-Moll (Nowak 1956) Streichquintett / Intermezzo (in Vorbereitung, Gerold W. Gruber)
Requiem (Bornhöft 2000) Missa solemnis in B (Haas - Nowak 1977) Messe
d-Moll (Bornhöft 1999)
Messe e-Moll (Hawkshaw 2004)
Messe f-Moll (in Vorbereitung,
Hawkshaw) Te Deum (noch offen) Psalmen und Magnificat (Hawkshaw 2002) Kleine
Kirchenmusikwerke (Nowak 1984)
Kantaten und Chorwerke (noch offen)
Lieder
für Gesang und Klavier (Pachovsky im Notenband 1997) Weltliche Chorwerke
(in Vorbereitung, Pachovsky) |
Neue
Orchestermateriale zu den Symphonien
Es liegen bisher
neue Stimmenmateriale vor zu den Symphonien 2/1, 2/2, 3/2,
3/3, 4/2, F 4/3, 5, 6, 7, 8/2, 9. In Arbeit
sind neue Stimmenmateriale zu den Symphonien 3/1 und 8/1.
Zur
Geschichte des Bruckner-Gesamtausgabe siehe u. a.
Leopold Nowak, „Die
Anton Bruckner-Gesamtausgabe. Ihre Geschichte und Schicksale”, Bruckner-Jahrbuch
1982/83 (MV 203), und
Herbert Vogg, „Ein Versprechen wurde
eingelöst”, Bruckner-Jahrbuch
1997-2000 (MV 209), bzw. Mitteilungsblatt der IBG „Studien
und Berichte” Nr. 56 vom Juni 2001.
Über
Details informieren der Spezialkatalog Anton Bruckner und der Gesamtkatalog des
MWV. |